WIR HIER: Artikel von Geflüchteten und Menschen, die schon länger hier leben

Gemeinsam auf Erkundungstour

Von Annelie Andert
AnnelieAndert
Land und Leute kennen zu lernen ist besonders für Neuzuzügler/innen so wichtig. Was könnte besser dazu beitragen, als die Umgebung selbst zu er-fahren? Außerdem kann man beim gemeinsamen „Sightseeing“ ja nicht nur Landschaft, Geschichte und Kultur kennen lernen, sondern auch die Mitreisenden.
Für die Ausflugsziele von Willkommen-Team Norderstedt e.V. und Geflüchteten gibt es einige Grundbedingungen: Sie müssen gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar sein, die Fahrtkosten müssen gering sein und der Zeitaufwand für Hin- und Rückfahrt muss in einer vernünftigen Relation zur vor Ort verbrachten Zeit stehen.
Erst wurden die Ausflüge nur vom Willkommen-Team geplant, organisiert und beworben, dann stiegen auch Geflüchtete in die Vorbereitung mit ein. Sie entschieden mit, welches der vorgeschlagenen Ausflugsziele jeweils angesteuert werden sollte, verteilten die Ankündigungs-Flyer in den Flüchtlingsunterkünften, sammelten Anmeldungen ein und gaben sie weiter an mich als Verantwortliche.

Das Interesse an den Ausflügen war unterschiedlich, ohne dass ich die Gründe dafür kenne. Mal waren es zehn, mal waren es 20 Teilnehmer/innen, die sich gemeinsam auf den Weg machten. Es gab auf jeden Fall jedes Mal begeistertes Feedback. Besonders spannend waren die Fahrten natürlich immer dann, wenn wir jemand Ortskundigen vom Willkommen-Team als Stadtführer/in dabei hatten.
Unsere Fahrten führten uns nach Lüneburg, in den Wildpark Eekholt und nach Lübeck. Außerdem machten wir eine Rundfahrt, die empfehlenswert ist: Man braucht dafür nur eine Tageskarte des HVV: Von Norderstedt-Mitte aus fährt man mit dem Bus 594 durch die Baumschullandschaft nach Wedel und zur Schiffsbegrüßungsanlage in Schulau. Von dort aus führt der Weg mit Bus und Bahn zum Beispiel nach Hamburg-Blankenese, weiter mit der Fähre über die Elbe nach Finkenwerder, von da Richtung Hamburg-Landungsbrücken und schließlich mit der U-Bahn wieder zurück nach Norderstedt.
2017 hatte ich keine Ausflüge angeboten. Als dann in diesem Jahr aus den Reihen der früheren Teilnehmer/innen der Wunsch kam, wieder miteinander auf Reisen zu gehen, freute ich mich.
Unser Ausflugsziel war diesmal die Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern. Unsere Reisebedingungen waren wieder: öffentliche Verkehrsmittel statt Reisebus, Proviant statt Restaurant.
Am Reisetag waren wir 16 Erwachsene und Kinder aus Afghanistan, dem Jemen, Syrien und Deutschland. Eine der Mitreisenden war Ruth Denklau, Mitglied im Fotoclub Norderstedt e.V.. Die Fahrt dauerte etwas über zwei Stunden und gab Gelegenheit zu vielerlei Gesprächen, z.B. über die grüne Landschaft oder die frühere Grenze zwischen DDR und BRD – „Ach ja, haben wir gelernt, die deutsche Teilung!“
In Schwerin angekommen, spazieren wir vom Bahnhof aus zum Pfaffenteich und durch die Schweriner Altstadt. Wir besichtigen den Dom, besteigen den Turm mit rund 220 Stufen und einem wunderschönen Blick über Stadt und Seen. Auf dem Marktplatz warten besondere Attraktionen, das „Petermännchen“, eine Touristen-Trambahn (aus Kostengründen verzichten wir) und eine Hochzeit. Wie schön, dass wir keine festen Termine haben!
Wenn man sich dem Schloss nähert, wird die Umgebung landeshauptstädtisch: Am Straßenrand liegen die Ministerien, auch der Sitz der Ministerpräsidentin von MeckPomm („Wie heißt die denn?“ …“ Öööh … Ach ja, Manuela Schwesig.“). Es geht vorbei am Staatlichen Museum Schwerin mit seinen Gemäldesammlungen und an den Freilicht-Opernkulissen in eine kleine Grünanlage: Picknick auf Parkbänken. Noch sitzen Menschen aus Syrien auf der einen Bank und auf der nächsten Bank die aus Afghanistan, doch dann werden Teigtaschen, Brote und Obst rundherum angeboten und die Grüppchen lockern sich etwas auf. Kommunikation auch auf Deutsch.
Auf zum Schloss! Marmortreppen führen uns in prächtige Räume. Wieso hat das relativ kleine Schwerin mit knapp 100.000 Einwohnern ein so großes Schloss? Wir erfahren: Die Großherzöge von Mecklenburg-Schwerin waren verwandt und vernetzt mit den anderen europäischen Monarchien, das Land blieb über Jahrhunderte souverän. Im Thronsaal sehen wir neben Symbolen mecklenburgischer Orte Wappen aus ganz Europa.
Am Ende des Rundgangs bekommen wir den heutigen Landtag zu sehen: Jetzt ist das Schloss also ein Ort der bundesdeutschen Demokratie.
Der Schlossgarten, 2009 Stätte der Bundesgartenschau, ist noch immer „eine Schau“. Die Außenanlagen des Schlosses mit ihren dekorativen Bepflanzungen laden zum Bleiben ein: zweites Picknick und Fotografieren. Dann wird es allmählich Zeit für den Rückweg.
Nach einem wolkigen, aber trockenen Tag begleitet uns ein heftiger Schauer zum Bahnhof und macht uns den Abschied leichter. Nach Westen hin wird der Himmel immer klarer. Ein Ausflug ist eine wunderschöne Unternehmung, aber am Ende kommt man gern wieder nach Hause – und das ist für uns alle jetzt Norderstedt.

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